Wie Veränderung möglich wird
Es ist ein früher Sommermorgen, als ich mit einem warmen Kaffee in der Hand die Straße entlanglaufe.
Als ich den Park durchquere, fällt mir ein Mann auf, der klatschend durch den Park läuft. Immer wieder. Gleichmäßig. Fast ritualhaft.
Ich beobachte ihn eine Weile, irritiert von dieser Szene, und entscheide mich schließlich, ihn anzusprechen.
„Guten Morgen. Darf ich kurz fragen, was genau Sie hier machen?“ frage ich höflich, nicht ahnend, welche Antwort ich gleich hören werde.
„Ich vertreibe die Elefanten“, sagt er knapp, ohne sein Klatschen zu unterbrechen.
„Elefanten? Welche Elefanten?“, frage ich erstaunt.
Er deutet in die Luft: „Sehen Sie? Es funktioniert.“
Ich erinnere mich oft an diese kleine Geschichte.
Sie sagt viel über das aus, was die Psychologie eine selbsterfüllende Prophezeiung nennt.
Wir erlernen bestimmte Verhaltensmuster, die uns einmal geholfen haben zu überleben – und behalten sie bei, selbst dann, wenn sie uns später nicht mehr dienen.
Ein einfaches Beispiel:
Die Großmutter, die nach einem Kriegserlebnis bis heute darauf besteht, dass alle „noch etwas essen sollen“, selbst wenn längst niemand mehr Hunger hat.
Oder der Reflex, zu fragen ob man warm genug angezogen ist während draußen bereits Hochsommer ist.
Solche Dinge kennen wir alle aus unserem eigenen Leben oder dem unserer Familien.
Was einmal Sicherheit geschaffen hat, bleibt bestehen – auch wenn die Welt sich längst verändert hat.
Und doch ist Veränderung möglich.
Die Wissenschaft spricht von einer new emotional experience, einer neuen emotionalen Erfahrung.
Wir müssen erleben, dass eine alte innere Erwartung nicht mehr zutrifft, wenn wir beginnen, gewohnte Muster loszulassen.
Das kann banal sein. Und gleichzeitig beängstigend.
Wann haben Sie das letzte Mal zu etwas JA gesagt, worauf Sie eigentlich keine Lust oder keinen Sinn darin gesehen haben?
Ein einfaches Nein kann überraschend schwer sein.
Gegenüber dem Chef, dem Partner, den Eltern oder Freunden.
Ich war lange Zeit genau so ein Mensch.
Ein People Pleaser, der sich nur dann sicher fühlte, wenn er es allen recht machte, nicht widersprach und möglichst keinen Konflikt erzeugte.
Jemanden zu enttäuschen, zu widersprechen oder einen Fehler zu machen, fühlte sich für mich an wie mein eigenes „Klatschen gegen die Elefanten“.
Ich habe einen längeren Weg hinter mir, in dem ich lernen musste, dass dieses Klatschen mich nicht wirklich geschützt hat.
Es gab Phasen, in denen vieles gleichzeitig ins Wanken geraten ist – äußerlich wie innerlich.
Und ich stand plötzlich vor Situationen, in denen ich nicht mehr auf alte Sicherheiten zurückgreifen konnte.
Und genau in dieser Zeit habe ich etwas Entscheidendes gelernt:
Das Leben trägt sich selbst.
Nicht durch Kontrolle, nicht durch Hustle, nicht durch das Gefühl, alles im Griff zu haben.
Sondern dadurch, dass wir uns bewegen – und das Leben darauf reagiert.
Oft glauben wir, wir müssten zuerst alles verstehen, bevor wir etwas verändern.
Doch in Wahrheit passiert Veränderung umgekehrt:
Wir verändern uns – und das Leben beginnt, sich mitzubewegen.
Der erste Schritt in ein sinnerfüllteres Leben ist deshalb vielleicht kein großes Konzept.
Sondern etwas viel Einfacheres:
Das Klatschen kurz zu unterbrechen.
Und zu beobachten, was dann passiert.
